Peripherie 4. Hände. Ein Nachbericht mit Verspätung.

Am Anfang war die Hitze und die Müdigkeit einer langen Fahrt, die Ungewissheit und die Fragen nach dem Wie und dem Was. Dann stand ich vor der Leere, der weißen Leere einer großen Wand, die mich kalt anschaute und mir trotz der glühenden Hitze den Schauer den Rücken runter laufen ließ. Ich nahm mir die große Leiter und das große, fleckige, weiße Lacken, welches ich mir von zu Hause mitgebracht hatte. Ich kletterte hoch und tackerte so gut ich konnte den Lacken an der kalten Wand fest und fühlte mich sogleich wohler und heimeliger. Nach und nach brachte ich einzelne Streifen von einem cremefarbenen, dünnen und zarten Papier in unterschiedlichen Abständen an die weiße Stofffläche, auf der ich gleich zu Beginn eine Hand, die schwarz zerfloss, zeichnete und mich darin an den Ort bannte, an dem ich mehr als eine Woche verbringen sollte.

In den nachfolgenden Tagen kehrte ich fast täglich zu der Hand zurück und zeichnete weitere Varianten, der selben linken Hand, die auf unterschiedlichen Fotos, aus unterschiedlichen Zeiten gesammelt hatte. Ich war nicht weiter bemüht etwas ausdrücken zu wollen, die Hände taten es von selbst, sie drückten sich aus und hinterließen Abdrücke einer vergangenen, entrückten Zeit. Ich konzentrierte mich einfach nur auf die jeweilige Hand und sprach gelegentlich mit vorbeikommenden Besuchern, die sich über meine nächtliche Ausdauer zu wundern schienen. Das alles war ich und mehr musste ich da nicht rein packen, die Farben und die Wahl der Stifte wählten sich wie von selbst und ich folgte den Spuren, die ich selbst hinterließ. Ich wusste nicht, wie sich die jeweilige Hand entwickeln würde, ich wusste nur, das genau die, die ich gerade beendete, da seien musste und bis jetzt gefehlt hatte. Die Hände wurden immer größer und es kam mir so vor, als würde ich am liebsten die ganze Wand auf einmal berühren wollen. Es hat mich überhaupt nicht interessiert, warum ich es tue, warum ich eine bestimmte Farbe oder Stift oder Technik gewählt hatte. Das alles musste einfach sein und ich ließ mich treiben und zwang mich dazu, weiter zu machen, auch dann wenn der Schmerz unerträglich wurde und der Knoten in meiner Brust mir immer fester den Hals abwürgte.

Außer dass die Hände da seien mussten, wusste ich über sie nicht viel, außer dass es meine Hände sind und waren. Also denke ich, wusste ich alles und lebte es längst. In einer eigenartiger Weise mussten sie aus mir raus, die Abbildungen auf den Fotos die ich gesammelt hatte, waren nur eine grobe Orientierung, eine Art Erinnerungsstütze um sie loszuwerden. Ich müsste noch viele, vielleicht hunderte von ihnen zeichnen, um irgendwann mal frei seien zu können. Daher setzt ich die Arbeit an verschiedenen Orten weiter fort und höre dann auf, wenn ich keine Hände mehr hab…

Haende Blogbeitrag

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