Es startet eine Reihe fiktiver Zwiegespräche mit bekannten Künstlerfreunden. Dabei sind die Äußerungen der jeweiligen Künstler wörtliche Zitate aus unterschiedlichen Quellen.
Das erste, aufgezeichnete Gespräch (Auguste Rodin, Camille Claudel und Ich):
Ich: Ich habe heute Bewerbungsunterlagen zurückbekommen.
Auguste: Wenn eine Anzahl Leute, wie sachverständig und intelligent sie auch sein mögen, sich zusammensetzen, um über ein ihnen vorgelegtes Kunstwerk zu urteilen, so werden sie nur dann zu einhelligem Urteil gelangen können, wenn dieses Werk in höchstem Maße neutral ist. Ein Werk, das wirklich herausragt und sehr individuell ist, das etwas Besonderes hat und eine Kühnheit beweist oder darauf hindeutet, dass der Künstler in irgendeiner Hinsicht ein Abtrünniger sein könnte, ein solches Werk hat keine Chance.
Ich: Ich definiere mich selbst als Künstlerin im Dialog mit anderen Schaffenden. In ihrem Leben, in ihren Leiden, in ihren Leidenschaften, in ihren Lieben, in ihren Verfehlungen suche ich das Verbindende zu mir Selbst und ringe nach einer Erkenntnis, die mir in meinem Schaffen und Hiersein weiterhilft. Im Grunde bin ich nie allein. Immer ist jemand da. Jemand den ich mir erdenke, den ich herbeirufe und erträume. Imaginären Freunde, imaginären Fremde, imaginären Gesprächspartner, ein Lächeln, ein Augenkontakt, jemand schüttelt den Kopf an einem zeitlosen Fantasieort.
Camille: Ich habe keine Angst vor der Wahrheit, was immer sie auch sein mag. Ich sehe klar, zu klar. Es ist, als sähe ich die Menschen mit dem Messer gezeichnet, die Seelen aus ihren Futteralen gerissen!
Ich: Wie waren sie? Welche Wahrheiten waren die ihren? Welche Wahrheiten hatten sie gegenüber sich selbst, gegenüber ihren Familien, gegenüber ihren Freunden, den Liebhabern, gegenüber dem Leben, gegenüber ihrer Außenwelt? Wer bin ich? Was macht mich aus? Höre ich auf zu sein, wenn ich nichts leiste, wenn ich nichts schaffe?
Camille: In Wirklichkeit möchte man mich zwingen, hier zu bildhauern, und da man sieht, dass alle Mühe vergeblich ist, macht man mir alle möglichen Schwierigkeiten. Das wird mich nicht umstimmen, ganz im Gegenteil…
Ich: Camille, du geliebte Seele, ich weine bittere Tränen um Dich, um Dein Eingesperrtsein, um die 30 Jahre Deines namenlosen „Sklavendaseins“, in denen Du lebendig begraben, umschlossen von unüberwindbaren Mauern geschrien und die Freiheit gefordert hast. Meine Wahnsinnige, meine Liebe, meine Freundin, Du und Deine stolze Seele…
Auguste: Ich habe ihr vielleicht gezeigt, wo sie Gold finden würde, aber das Gold, das sie findet, ist in ihr.
Ich: Das Funkeln Deiner Augen, wie Tausend Blitze in Meinen. Abgrundtief und dunkel strahlen sie mich unverständlich im Spiegel an. Wenn ich nicht schöpferisch bin, fühle ich mich leer, so losgelöst von Allem, vor allem von mir selbst. In mir selbst ist die Fremde, so unendlich hässlich ist es in mir, so unglaublich kalt, so ungemütlich, so als wäre ich gar nicht real, als wäre ich wie tot, ohne jede Verbindung zum Leben. Nutzloses Dasein in Freiheit, die ich nicht zu nutzen weiss und die Du Dir mit Deinem „NEIN“ zurückerobert hast. Deine dunkelblauen Augen, die Endlosigkeit, die Verwüstung, die Umnachtung, Ich will deine Hände berühren, deine Hände zeichnen, die Bewegung festhalten, die Kraft mit der Du den Stein bezwingst. Dein Genie, Dein Wahnsinn, Deine Besessenheit, Deine Qualen, Deine Anstrengung, Deine Konzentration, Dein Schatten, Dein Lachen und Dein gebrochenes Herz ist in mir, solange ich lebe, bist Du mit mir. Ich lasse nicht los, in Deiner Unruhe, in Deiner Wut und Verzweiflung, in diesem offenem und stürmischen Wasser ringe ich um mein Leben und um die Kunst. Ich will es solange aushalten, bis ich das vollbringe was Du vollbracht hast…
Auguste: Und wenn du es so lange aushältst, wenn du das vollbringst, was Michelangelo vollbracht hat, dann gehört dir auf ewig die ganze Menschheit, weil du sie bereicherst und schöner machst… Besonders in dieser Zeit, da alles nur auf die Nützlichkeit des modernen Lebens bedacht ist – und nicht auf den Geist, den Gedanken, den Traum…



